Dienstag, 19. Januar 2021

 Corona – Pandemie 2020/2021

Vor wenigen Tagen bekam ich ein Gedicht in Kopie zugesandt. Es wurde vor etwa 100 Jahren veröffentlicht im „Nebelspalter“, eine Schweizer Satire-zeitschrift, gegründet 1875 in Zürich und besteht bis heute als Monatsmagazin. Es betraf die Spanische Grippe und die Zeilen sind so aktuell, als wär`s gestern gedichtet worden. Vielleicht lesen es auch die „Quer-Denker?“

 

Die Grippe und die Menschen

 

Als Würger zieht im Land herum

Mit Trommel und mit Hippe (= Sichel/Sense)

Mit schauerlichem Bum, bum, bumm,

Tief schwarz verhüllt die Grippe.

 

Sie kehrt in jedem Hause ein

Und schneidet volle Garben –

Viel rosenrote Jungfräulein

Und kecke Burschen starben.

 

Es schrie das Volk in seiner Not

Laut auf zu den Behörden:

„Was wartet ihr? Schützt uns vorm Tod –

Was soll aus uns noch werden?

 

Ihr habt die Macht und auch die Pflicht –

Nun zeiget eure Grütze –

Wir raten euch: Jetzt drückt euch nicht,

Zu was seid ihr sonst nütze!

 

`s ist ein Skandal, wie man es treibt,

Wo bleiben die Verbote –

Man singt und tanzt, juheit und kneipt,

Gibt`s nicht genug schon Tote?“

 

Die Landesväter rieten her

Und hin in ihrem Hirne.

Wie dieser Not zu wehren wär`,

Mit sorgenvoller Stirne:

 

Und sieh`, die Mühe ward belohnt,

Ihr Denken ward gesegnet:

Bald hat es, schwer und ungewohnt,

Verbote nur geregnet.

 

Die Grippe duckt sich tief und scheu

Und wollte sacht verschwinden –

Da johlte schon das Volk aufs Neu`

Aus hunderttausend Münden:

 

„Regierung, he! Bist du verrückt –

Was soll dies alles heißen?

Was soll der Krimskrams, der uns drückt,

Ihr Weisesten der Weisen?

 

Sind wir denn bloß zum Steuern da,

Was nehmt ihr jede Freude?

Und just zu Fastnachtszeiten – ha!“

So gröhlt und tobt die Meute.

 

„Die Kirche mögt verbieten ihr,

Das Singen und das Beten –

Betreffs des andern lassen wir

Jedoch nicht nah uns treten!

 

Das war es nicht, was wir gewollt,

Gebt frei das Tanzen, Saufen,

Sonst kommt das Volk – hört, wie es grollt,

Stadtwärts in hellen Haufen!“

 

Die Grippe, die am letzten Loch

Schon pfiff, sie blinzelt leise

Und spricht: „Na endlich – also doch!“

Und lacht auf häm`sche Weise.

 

„Ja, ja – sie bleibt doch immer gleich

Die alte Menschensippe!“

Sie reckt empor sich hoch und bleich

Und schärft aufs Neu`die Hippe.               A.Z. 

 

 

Ponholz, 18.01.2021

Christine Obermeier

chobgen

Sonntag, 29. März 2020

Der älteste Mann der Welt - ein Deutsch-Böhme



Der älteste Mann der Welt …


… war ein Deutsch-Böhme mit bayerischen Wurzeln … und er war ein Schinder!   

Franz Eisenhammer ist in Prischau/Prisov laut folgendem Kirchenbuchein-trag geboren:

“Przischova                   A. 1731. 4 Octobris Baptizata est a me P: Julio Fran: Gipp Curato proles Franciscus filius legitimus Nicolai Ayßenhammer, cerdonis ibidem Mat. Margaritae liberorum hominum, natus fuit 3 hujus. Levans Joannes Kondrath cerdo Krzimicensis, testes Jacobus Wagner cerdo Malesicensis, et Maria Anna uxor Joannis Kondrath cerdonis Krzimicensis”

Franz ist also am 03.10.1731 als ehelicher Sohn des Nicolaus Ayßenhammer und der Margaretha (Auer) geboren und wurde am 04.10.1731 in der Pfarrkirche in Ledetz/Ledce (Archiv Pilsen Buch 04/11) getauft; sein Pate war Johann Conrad, Taufzeugen waren des Paten Ehefrau Maria Anna und Jacob Wagner. Er wurde als „frei“ d.h. als „nicht untertänig“ geboren (wie auch schon seine Eltern). Die genannten Orte liegen in Westböhmen, nordwestlich von Pilsen, hart an der deutsch-tschechischen Sprachgrenze.

Sein Vater, Nicolaus Äsenhamer, stammte gebürtig aus Langenpreising, das im heutigen oberbayerischen Landkreis Erding (*05.07.1686) liegt. Nicolaus zog mit seinen Eltern und Geschwistern über die Oberpfalz (Naabeck, Zell bei Roding, Bernhardswald) nach Westböhmen, wo er am 02.11.1717 in Holleischen/Holysov (Archiv Pilsen Buch 01/124) die Margaretha Hauer, Franzens Mutter, ehelichte und mindestens 9 Kinder bekam. Von Beruf waren und wurden alle Familienmitglieder Abdecker. Nicolaus war und wurde nie richtig ansässig und zog mit seiner Familie, wie schon sein Vater vor ihm, als „vagierender Abdecker“ umher.

Von etwa 1700 bis 1720 zogen zahlreiche bayerische Familien nach Westböhmen, die beruflich als Wanderabdecker fungierten. Dies hatte natürlich seinen Grund. Ursache war die Bayerische Landesverordnung vom 16. May 1695 in der es u.a. heißt:
„ … wird den Schindersleuten, welche nicht eine Wasenstatt, oder Abdeckersgerechtigkeit wirklich besitzen, das Heurathen hinfüro auf das schwerste, und bey unausbleiblicher Verwirkung unten dictirter Straf hiermit verbothen. … dass die herumvagierende, oder sonst verdächtige Freyleut und Schinder allenthalben aufgehoben, und den Venetianern auf die Galeeren übergeben werden sollen…“ 
Bevor man also auf die Galeeren verkauft wurde, zogen es die wandernden Abdeckersippen vor, ins benachbarte Böhmen auszuweichen, zumal dort fast keine Abdeckereien etabliert waren und sich somit reichlich Potential für einen Neubeginn dieses Gewerbes bot.   

Zurück zum Franz. Mit 24 Jahren heiratete er am 19.10.1755 in Kozlan/Kozlany (Archiv Pilsen Buch 04/220) …

„ Bielbowycz … Sponsi detecto impedimento Frantissek wlastny Syn Mukulasse Eyßenhammra Pohodnyho we Wostrzekowicz Marzi Magdalenau wlastny Dczerau Jakuba Edra Pohodnyho we Bielbowyczych … Test: Martin Syn Matiege Schmyda Pohodnyho z Jinecz 2. Woytiech Syn Jakuba Edra Pohodnyho z Bielbowycz 3. Susanna Dczera Woytiecha Tanygra Prawnicho Posla z Rakownika 4. Jozef Wulmut Pohodny z Lochowycz …“ 

… als Franz Eyßenhammer, ehelicher Sohn des Nicolaus, Abdecker bei (W)Ostrazkovice (bei Zilov), die Maria Magdalena Eder, eheliche Tochter des Jacob, Abdecker in Welbowitz /Belbozice. Das Kirchenbuch wurde in jener Zeit in lateinisierten tschechisch geschrieben. Die Zeugen waren alle aus der Sippschaft: Martin Schmied ein Sohn des Matthias, Adalbert Eder der Braut Bruder, Susanna eine Tochter des Adalbert Tanninger und Joseph Wohlmuth. 
Mit dieser, seiner 1. Gattin, geboren um 1735, zeugte er 11 Kinder von denen 4 Kinder klein verstarben. 4 Söhne, Mathias, Franz, Johann und Joseph sowie 2 Töchter, Anna Maria und Agnes (Johanna)  heirateten; 1 Tochter namens Katharina verstarb ledig mit 19 Jahren.
In den ersten Ehejahren war Franz als Abdecker in Rzedohost/Redhost. Ab 1761 ließ er sich mit seiner Familie in Welbowitz im Bezirk Kralowitz nieder, bis seine Gattin dort am 12.08.1781 in der Haus-Nr. 6 mit 46 Jahren verstarb.

Franz war also mit 50 Jahren Witwer mit 7 Kindern (wovon 3 unmündig waren) und suchte sofort eine neue Ehefrau. Nach dem Motto „eine Junge frisst nicht mehr als eine Alte“ fand er seine 2. Gattin in Rakonitz/Rakovnik in der 19-jährigen Maria (Anna) Schmidt, eine Scharfrichterstochter, gebürtig aus Rejkowitz.
Am 13.10.1782 wurde Hochzeit gehalten (Archiv Prag Buch 12/197). Der Eintrag im Kirchenbuch lautet:

„ d 13 Octobris 1782 in Rakona … de prasenti honestus Sponsus Franciscus Leisenmayer ex pago Belbonith cum sua honesta Sponsa Maria Anna filia legitima Joannis Schmidt carnificis Rakovy filia ... Testes Adalbertus Gerzabek Lictor Rakovy”

Franz wurde hier als „ehrenwerter“ Bräutigam und fälschlicherweise als „Leisenmayer“ bezeichnet; seine Kindertaufen wurden später allerdings richtig als Eysenhammer eingetragen. Ein Scharfrichter war wohl in der Zeit in Nordböhmen ein ehrenwerter Mann und da Franz eine sog. „ehrenwerte“ Braut ehelichte wurde auch er kurzzeitig „ehrenwert“. Da die Abdeckersippen generell als „unehrlich“ galten fand ich dies erwähnenswert, zumal mir solche Einträge in Böhmen ansonsten nicht unterkamen. Wie angesehen ein Scharfrichter in Rakonitz war zeigt der Taufeintrag einer Schwester seiner Braut:
„Ao 1767 Septembris d 23 in Rakona … Anna. Joannis Schmidt carnificis et Barbara legitima filia: Levans D Anna Dn Vincentius Charin Senatoris Conjux Testes D: Nicolaus Pater Primus, D: Josephus Przilon Senator, D: Joes Moder Senator et D: Ludmilla D: Alberti Worzissek uxor“
Taufpatin war eine Ratsherrengattin; Taufzeugen waren der 2. Kirchenvater, 2 Ratsherren und eine Bürgersgattin. Man musste sich also mit dem Scharfrichter „gut stellen“! Wer würde denn schon die Paten seiner eigenen Kinder gegebenenfalls auf die Folterbank legen? (ganz sicher – eine falsche Denkweise!)

Die von ihm verlassene Abdeckerei in Welbowitz # 6 übernahm sein Sohn Franz (*1758), der am 18.06.1782 in Kozlan die Abdeckertochter Anna Catharina Weichant aus Dekau heiratete.

Von 1782 bis etwa 1798 blieb Franz in Rakonitz und übernahm mit seiner Frau Maria (Anna) die Abdeckergerechtigkeit in Haus-Nr. 45; sicherlich ging er auch noch seinem Schwiegervater hilfreich zur Hand. Das Ehepaar bekam mindestens 10 Kinder, 6 davon wurden in Rakonitz geboren. Die Abdeckerei in Rakonitz übernahm sein Schwiegersohn Sebastian Schillinger, der mit seiner Tochter Agnes (Johanna) seit 16.10.1792 verehelicht war.

Ab etwa 1798 wechselte Franz mit seiner Familie in die Abdeckerei Neudorf/Nova Ves bei Smolnitz/Smolnice, wo nochmals 1 Sohn getauft wurde. Neudorf verließ er um 1803, wobei die Abdeckerei wiederum von einem seiner Söhne, Franz Seraph (*1783), weitergeführt wurde.  

Um etwa 1803 übernahm der alte Franz die Abdeckerei in Radowesitz/Radovesice bei Schlan, wo nochmals 2 seiner Söhne, Anton 1803 und Peter 1806 getauft wurden. Dort verstarb seine 2. Gattin am 19.07.1820 in der Haus-Nr. 39 mit angeblich 62 Jahren (richtig 53 J) an einer Geschwulst.

Im Alter von 89 Jahren wurde er nun erneut Witwer. Und – „je öller – je töller“ begab er sich doch tatsächlich noch mal auf Freiersfüßen – und seinem Motto treu bleibend – heiratete er um 1821 die 16-jährige Maria Magdalena Chaloupka, gebürtig aus Welbowitz und bekam mit seiner 3. Gattin noch 2 Söhne. Unglaublich aber wahr, er wurde mit 96 Jahren das letzte mal Vater und zeugte insgesamt 23 legitime Kinder, wovon nachweislich 14 heirateten und eigene Abdeckerfamilien gründeten und mindestens 104 Kinder – sprich Enkelkinder – zeugten.   

Arbeitsmäßig unterstützt wurde er von seinem Sohn Adalbert (*1799 in Neudorf), der ebenfalls mit einer geborenen Chaloupka verheiratet war und in Radowesitz # 39 ab 1835 Kinder taufen ließ; ebenso von seinem Sohn Peter (*1806), der dort 1876 als lediger Abdecker verstarb und wahrscheinlich geistig behindert war.   

Am 07.06.1835 (Grundbuch für Radowesitz 1779-1882, Vertrag # 397), also - schon mit 104 Jahren - übergab Franz sein Anwesen # 39 mit 21,059 ha Grund (Gärtchen, Felder und Wiesen) an seinen Sohn Adalbert um 600 Gulden und trat in den Austrag. Folgende Modalitäten wurden getroffen:
Er bekam von Josef Chalaupka (Schwiegervater des Adalbert – die Mitgift) bereits 200 Gulden ausbezahlt. Zukünftig erhält er von jedem Ertrag generell ein Drittel (Feldfrüchte, Butter, Salz, Milch und Einnahmen aus dem Abdeckergeschäft); er hat das Nutzungsrecht mit seiner Gattin Magdalena in der Stube, Küche und Kellergewölbe. Sollten sie sich nicht vertragen, so müsste der Übernehmer auf eigene Kosten in der angrenzenden Scheune einen Raum mit Feuerung erbauen. Sollte er, Übergeber, versterben so soll die Stiefmutter Magdalena das gleiche Recht haben und der Übernehmer muss die Bestattungskosten tragen. Der ledige Bruder Peter (*1806) bekommt 200 Gulden, einbezahlt in die herrschaftliche Waisenkasse im Laufe von 4 Jahren. Der kleine Halbbruder Karl (*1827) bekommt ebenfalls 200 Gulden bei dessen Volljährigkeit oder Hochzeit ausbezahlt. Alle anderen Geschwister, als Franz, Matthias, Josef, Johann, Anton und Franziska bekommen nichts, da diese bereits versorgt und abgefunden wurden.

Wenn Sie nun glauben Franz dachte langsam ans sterben – weit gefehlt!

In der tschechischen Zeitschrift LUMIR 1. Ausgabe 1851 Seite 22, Prag, ist nachzulesen:
„Vom Land.
Wunderbares Alter. Im Dorf Radovesice, im Unterbezirk Slany, lebt bis heute ein Mann, der sich nicht nur aufgrund seines hohen Alters einer großen Beliebtheit erfreut. Es ist der dortige Schinder Eisenhammer, der 1732 geboren wurde und heute somit 119 Jahre alt ist! Er war dreimal verheiratet, erstmals im 35. und zuletzt im 90. Lebensjahr und er hat eine zahlreiche Nachkommenschaft. Bei schönen sonnigen Sommertagen sitzt er in seiner sehr altertümlichen Tracht (er trägt nämlich eine bis zu den Knien reichende Hose aus Manchestersamt, Strümpfe, Halbschuhe, Jacke und eine Ottermütze) vor seinem Haus und genießt die sonnige Wärme. Noch mit 80 Jahren war er ein flotter Tänzer und wenn es im Wirtshaus zu einer Rauferei kam, krempelte er die Ärmel hoch und rief: „Mordio Buben! Kommt her, wenn ihr aus dem Fenster fliegen wollt!““

Und dann war er plötzlich da – da Boandlkrama!

Im Sterbebuch von Radowesitz (Archiv Leitmeritz Buch 96/21-203) ist eingetragen:
„dne 29. zari v 6 hod vecerni – dne 1. rijna 1852 – Eisenhamer Frantisek, pohodny v Radovesicich c.d. 39. – 114 let. – dle udani lekarskeho doktora Karla Vilta d.d. 30. zari 1852 C. 53. zemrel na oseobecnou vodnatelnost.
Zaopatil a pochoval: P. Josef Ehl, Kapl.“

heute, 29. September, abends 6 Uhr (verstorben) – heute, 1. Oktober 1852 (begraben) – Eisenhamer Franz, Abdecker in Radowesitz # 39 – 114 Jahre (alt) – laut medizinischem Meldezettel des Dr. Karl Vilt vom 30. September 1852 # 53 verstarb er an allgemeiner Wassersucht.
  
Typisch er – Franz Eisenhammer starb nicht an Altersschwäche, nein er starb 5 Tage vor seinem 121. Geburtstag an Herzversagen wegen Wasseran-sammlung; „s`Wassa hod eahm s`Herz o`druckt.“


In der Gemeindechronik kann man nachlesen:
„Der alte, für seine Weisheit bekannte ehemalige Scharfrichter und Schinder Franz EISENHAMMER, Freund von Fürst Dietrichstein, ist im Jahre 1852 gestorben.“

Es war wohl sicher eine große Trauergemeinde, aber alle seine Nachkommen waren bestimmt nicht anwesend, denn die lebten völlig verstreut über ganz Nord-, West- und Mittelböhmen, in den abgelegenen Abdeckereien. Ja, ich behaupte, Franz hat sie nicht mal alle gekannt und umgekehrt ebenso; es ließen ja bereits um 1852 seine Ur-Ur-Enkel/innen ihre Kinder taufen.  

Seine 3. Gattin, Maria Magdalena, ging nach seinem Ableben zu ihren gemeinsamen Sohn Karl Eisenhammer (*13.02.1827) nach Kladno/Kladno, der dort in eine Abdeckerei eingeheiratet hatte und bereits ab 1847 Kinder taufen ließ. Maria Magdalena Eisenhammer, geb. Chaloupka verstarb am 27.11.1889 in Kladno Haus-Nr. 603 als Witwe des alten Franz (Archiv Prag Buch 62/9).


Zu diesem Lebenslauf gehört auch ein bisschen historischer Hintergrund:

Geboren wurde Franz während der Herrschaft Kaiser Karl VI., der auch seit 1723 König von Böhmen und somit sein Landesherr war. Von Oktober 1740 bis Dezember 1741 gab es weder noch; die Herrscherstelle war vakant. Ein kurzes Gastspiel gab der Kurfürst aus Bayern, Kaiser Karl VII. Albrecht, der von Dezember 1741 bis Januar 1745 auch König von Böhmen war. Ab dann hatte unser Franz eine Landesmutter, nämlich Maria Theresia, Königin von Böhmen bis November 1780. Ihr folgte ihr Erstgeborener, Kaiser Josef II. als ungekrönter König von Böhmen bis Februar 1790. Jenem folgte sein Bruder Kaiser Leopold II. als gekrönter König von Böhmen, von September 1791 bis März 1792. Ab August 1792 regierte Kaiser Franz II./I. (Sohn des Vorgängers) als König von Böhmen bis März 1835; er gründete im August 1804 das so genannte K. & K.-Reich (erblicher Titel „Kaiser von Österreich“ und König von Böhmen). Ihm folgte sein Sohn Kaiser Ferdinand I. als König von Böhmen – der nun endlich, als Landesherr Nr. 7, unseren Franz Eisenhammer um 24 Jahre überleben durfte. Er lebte zurückgezogen als König Ferdinand V. auf dem Prager Hradschin, nachdem er wegen Geisteskrankheit im Dezember 1848 in Olmütz „als Kaiser“ abdanken musste zugunsten seines 18-jährigen Neffen Kaiser Franz Joseph I.
Unser Franz wird sich sicher gedacht haben: „No, ob dear Bou dees kua?“

Franz erlebte auch, mehr oder weniger selbst betroffen, diverse Kriegsgeschehen. Einquartierung und Verpflegung für Mann und Ross; durchziehende Truppen, ob Feind ob Freund, erforderten einen Obolus der Bevölkerung und ganz bestimmt wurden königliche Kontributionen gefordert, die auch Franz leisten musste. Andererseits steigerte Krieg seinen Verdienst, z.B. mit zu Schanden gerittenen Pferden, die entsorgt werden mussten.
Im Alter von 9 Jahren erlebte Franz den Beginn des 8-jährigen Österr. Erbfolgekrieges. Mit 24 erlebte er den Beginn des 7-jährigen Krieges. In den Jahren 1770/71 musste auch er die große Hungersnot, die in Böhmen herrschte, bewältigen. Mit 47/48 Jahren erlebte er den Bayer. Erbfolgekrieg. Mit 58 Jahren hörte er sicher von der franz. Revolution, die einer Tochter seiner ehemaligen Landesmutter den Kopf kostete und den berüchtigten Napoleon hervorbrachte. Ab seinem 61. Lebensjahr focht sein K. & K.-Franz 9 Jahre gegen Frankreich in Koalitionskriegen, was jenem schlussendlich die kaiserliche Reichskrone kostete. Nur der „gütige Nandl I./V.“ führte keine Kriege; der erfreute sich an Musik und pflegte seinen Rosengarten. Es gab wohl hie und da kleine Aufstände und revolutionäre Ansätze, die aber schnell niedergeschlagen werden konnten. Der Liberalismus nahm auch in Böhmen immer mehr an Form an. Und die Revolution von 1848 – die tangierte unseren alten Franz nicht mehr; der ließ sich die Sonne auf den „Otter-Pelz“ brennen und sinnierte in den Tag hinein.  


Ja, man könnte natürlich noch viel aufzählen in der Zeit zwischen 1731 und 1852; die Reihenfolge der Päpste oder Geisteswissenschaftler, die Baukunst, die Größen der Kunst-, Musik- und Literaturgeschichte, die Entwicklung von Industrie und Gewerbe und und und. Ich würde kein Ende finden, darum lass` ich es damit gut sein!

Die Gene vom alten Franz setzen sich fort. 2019 wurde in Dobrzan/Dobrany der jüngste, mir bekannte, direkte Nachkomme des ältesten Mannes der Welt – Franz Eisenhammer – als Mitglied der 9. Generation, geboren. Er heißt Josef Franz Martin Eisenhammer.


Ergänzungen - Ponholz, 17.06.2014 - 31.05.2015 - 21.12.2017 - 29.03.2020 
Christine Obermeier
chobgen

Dienstag, 9. Oktober 2018

Nachruf Johannes Bröckl - München


NACHRUF

Ich bin sehr traurig. Mein liebenswerter Vetter hat für immer „ADE“ gesagt.
Johannes Bröckl, geb. am 23.07.1929 in Weheditz bei Karlsbad ist am 11.09.2018 in München sanft entschlafen. Seine Eltern waren Franz Josef Bröckl, Optiker (*15.04.1900 +1990) und Ida Rau, eine Bauerntochter (*29.03.1908 +1990). Kindheit und Jugendjahre verbrachte er friedlich und behütet mit zwei Geschwistern im Elternhaus „Villa Brigitta“ in der Mörikestraße 3, nachdem Weheditz nach Karlsbad eingemeindet worden war.

Im Herbst 1935, nach einer Mumps-Erkrankung, erfolgte sein verspäteter Eintritt in die Volksschule in Weheditz bei Lehrer Schöniger. Ab dem 27.10.1939 ging er in die neu gegründete Mittelschule in Fischern und im September 1941 trat er in die Oberschule für Knaben, in Karlsbad, ein. Sein Klassenraum befand sich im Untergeschoß der Handels-akademie. Vom 15. bis 17. April 1945 erfolgten schwere Bombenangriffe auf Karlsbad, womit seine Schulzeit in der Oberschule zu Ende war.

Im Sommer 1945 wurde er von den Tschechen als Hilfsarbeiter beim Wiederaufbau des Lagerhauses am Oberen Bahnhof in Karlsbad eingesetzt. Als ihm das Mörtelmischen, wohlgemerkt per Hand, nicht mehr zusagte, beschloss er im September, mit seinem Vetter Hans Rohm „einen Spaziergang über die Grenze“ zu wagen. Eine volle Woche waren sie unterwegs, bis sie Solnhofen, wo ein Onkel der Beiden seit etwa 1913 lebte, erreichten.

Bereits im Oktober 1945 kam er in geistliche Obhut; er ging ins Bischöfliche Gymnasium in Eichstätt, wobei er ab 1947 im Kloster St. Walburg einen „Freitisch“ erhielt und „von Böhmisch-Katholisch auf Römisch-Katholisch konvertiert“ wurde; lange Zeit sollte er der einzige „Flüchtling“ in seiner Klasse sein.  

1949 machte er, wie er selbst sagte, „ein wenig glanzvolles Abitur“. Nach 3 Semestern Theologie in Eichstätt ging er 1951 nach Erlangen und begann dort ein Germanistikstudium und setzte noch Kunstgeschichte und Bibliothekswissenschaft obendrauf. Etliche Jahre trödelte er herum, verdiente Geld um es gleich wieder, solange es reichte, in Italien zu verleben – seine Trauminsel damals war das touristenfreie Stromboli. Er erzählte, dass er so manches schöne Jahr, auf Kosten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Bibliotheken heimsuchte und ein „Opus“ ablieferte, das natürlich unter dem Namen seines Professors, Gerhard Pfeiffer, erschien: Die Bibliographie zur fränkischen Landeskunde, 1965/78. Vom Professor bekam er 1000 DM Extra-Salär – damit fuhr er nach Italien; er lebte und liebte eben das „Dolce Vita“ – Pasta und Wein, Kultur, Kunst und die Antike!   

Immer noch ohne richtigen Hochschulabschluss begann er nun am 15.03.1972 eine Ausbildung als Buchhändler in Erlangen, wo er verblieb bis er als Führungskraft am 01.10.1973 das Antiquariat der Buchhandlung Hugendubel in München übernahm. Sein Job war sehr interessant und es bereitete ihm Freude prominente Kundschaft zu betreuen, wie z.B. Otto von Habsburg, das Haus Wittelsbach, Rainer Barzel, Umberto Eco, Weizsäcker u.v.a. Zudem war er stets auf den jährlichen Antiquariatsmessen in München und Stuttgart vertreten, auf dem jährlichen Rotarier-Treffen zu finden und war mächtig stolz, gleich bei der 1. Hugendubler Versteigerung am 15.05.1984 die „Schedel`sche Weltchronik 1493“ anbieten zu können. Ja – er liebte „alte Wälzer“ und Graphiken! Am 01.08.1994 ging er in den Ruhestand.

Zwei Leidenschaften wohnten in seiner Brust: 1. liebte er Italien und kannte Rom besser als München. 2. seine böhmische Wasenmeister- (WM) und Scharfrichterforschung (SchR). Seine Großmutter mütterlicherseits war Elisabeth Leistner (*11.01.1870 +30.01.1933) eine Schindertochter aus Katzenholz. Dieser Berufszweig faszinierte und fesselte ihn Zeit seines Lebens und er sammelte alles darüber, was ihm in die Hände kam. Ab 1970 fuhr er mindestens 2-3 x pro Jahr ins Archiv Pilsen. Man bedenke bitte, es war die Zeit des „eisernen Vorhangs“; es musste alles geplant werden: Er benötigte ein Visum, eine Genehmigung aus Prag zur Büchereinsicht, eine Archivreservierung, eine Zugkarte  und ein Hotel – und alles ohne Computer. Seine Ergebnisse wurden im Jubiläumsband 1981 der VSFF veröffentlicht. Er leistete Pionierarbeit. Seine Forschung gilt heute als Grundstock der genealogischen Datensammlung über WM und SchR in Böhmen.

2001 durfte ich ihn, die Koryphäe in WM- und SchR-Wissen, in Augsburg kennen lernen. Wir teilten die Leidenschaft und fuhren bis im Jahr 2007 fortan in den eisfreien Monaten jeweils für eine Woche gemeinsam in die tschechischen Archive. Tausende Daten konnte er in Pilsen, Leitmeritz, Prag, Luditz und Heinrichsgrün eruieren und seine Forschung entsprechend ergänzen. Seine gesamten Daten wurden 2014 durch die VSFFe.V. unter „Abdecker und Scharfrichter in Böhmen“ auf einer CD veröffentlicht; eine nahezu wissenschaftliche Arbeit mit über 4600 Familienblätter.

Zwei Geschichtchen möchte ich noch anbringen, die er mir oft und oft erzählte.
Seine Großeltern waren Franz Bröckl, Kutscher/Eisenbahner (*1873 +1942) und Theresia Sußmann, Köchin (*1873 +1951). Das wichtigste Ereignis in den Jugendjahren seiner Großmutter war die persönliche Begegnung mit Kaiserin Elisabeth von Österreich. Sie war  Küchenmädchen bei Heinrich Mattoni in Gießhübel, als Kaiserin Sisi in dessen Schlösschen zur „Nachkur“ abgestiegen war. Die Kaiserin war, wie Großmutter immer betonte „inkognito“ dort, d.h. das Personal durfte nicht wissen wer die Dame war und durfte diese auch keinesfalls ansprechen. Großmutter Resi brachte täglich der Dame das Frühstück. Am Tag der Abreise sprach die Dame nach Wortlaut der Großmutter: „Thea, weißt du auch für wen du immer das Frühstück gebracht hast?“ Sprachlos senkte Resi nur den Kopf. „Du hast deine Kaiserin bedient, da hast ein Andenken“ und reichte ihr ein Stück Zwieback, der eigens für die hohe Frau (ohne Salz) gebacken worden war. Und dieses Stück Zwieback hat die Großmutter bis zum Tag, an dem sie binnen 1 Stunde das Haus verlassen musste (20.09.1945), in ein Tüchlein gewickelt in einer Dose aufbewahrt. „Und wenn wir ganz brav waren und gebettelt hatten, durften wir den kaiserlichen Zwieback bewundern – aber nie berühren.“  

Seine Urgroßeltern in Katzenholz waren Josef Leistner, Wasenmeister (*1843 +1932) und Magdalena Kaiser, Wasenmeistertochter (*1845 +1915). Die Urgroßmutter war weit und breit bekannt für ihre „schwarze Vasenol-Heilsalbe“ die sie in Spantiegeln verkaufte. Der Urgroßvater wurde berühmt als Gründer des „Karlsbader Hundefriedhofs“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Anlass war eine Amerikanerin die in Begleitung ihres Schäferhundes als Kurgast in Karlsbad weilte. Ihr Hund verstarb und sie bat den Abdecker, ihren Liebling nicht in das Kalkmassengrab zu legen. Paris und London hätten einen Hundefriedhof, warum nicht Karlsbad? Mit Bewilligung des Staatstierarztes Dr. Bergmann begrub Leistner sen. den Hund etwas abseits der Kalkgruben; somit war der Grundstein für Ruhestätten von geliebten Vierbeinern gelegt. 1931 zähle man rund 40 Hundegräber auf einem eingezäunten Areal von 30 x 40 Meter. Auch ein Kurgast-Affe aus England fand hier die letzte Ruhe; sogar ein Hund aus Russland wurde begraben, dessen Herrchen einige Münzen mit ins Grab legte. Nach einigen Wochen wurde das Herrchen misstrauisch und ließ das Grab öffnen; er fand alles vor. Den alten Leistner nannte er einen „Ehrenmann“ und entlohnte ihn großzügig. Fast alle Gräber wurden mit einem kleinen Holzzaun umfasst, erhielten eine kleine Porzellan-, Marmor- oder Holztafel mit Namens-, Alters-, Rassen- und Heimatangabe. Viele erhielten eine Porzellantafel mit Porträt und alle wurden liebevoll bepflanzt. Es sollte der einzige Hundefriedhof im ganzen Land bleiben.   

Das wichtigste Datum in seiner „Vita“ jedoch war der 30.05.1957. Wieder einmal in Italien, besuchte er an jenem Tag die Audienz von Papst Pius XII. auf dem Petersplatz in Rom. Er stand neben einem jungen Mann aus Wien, mit dem er ins Plaudern geriet. Ihre Wege sollten sich fortan nicht mehr trennen. Dieser Mann, Manfred Karasek, wurde für über 61 Jahre der Lebenspartner an seiner Seite. Seit November 2017 verließ Vetter Bröckl die Wohnung nicht mehr, eine gewisse Altersschwäche hatte ihn überfallen und sein Manfred pflegte ihn hingebungsvoll bis zur letzten Stunde.  

Ich bin mir sicher, dass viele Landsleute, Forscherkollegen, Freunde, ehemalige Kunden, sowie Vettern und Basen Johannes Bröckl in guter Erinnerung behalten werden. Mir selbst wurde er zum Lehrmeister, zum guten Freund und Vetter und ich werde ihm, solange ich lebe, ein ehrendes Andenken bewahren.
Arrivederci Vetter Bröckl – Deine Basl Christine Obermeier
Ponholz, 07.10.2018

Freitag, 15. Dezember 2017

Divertikulitis oder Nierenstein?

Divertikulitis oder Nierenstein?  – das war hier die Frage!

Ich muss meine Wut von der Seele schreiben – sonst platze ich:

Am 23.10.2017 bat ich morgens um 7.oo Uhr meine Hausperle mir beim Ankleiden zu helfen und mich zum Hausarzt zu fahren. Seit Samstagabend hatte ich Schmerzen ohne Ende, auf der rechten Seite im Unterbauch; ich konnte weder sitzen, noch stehen, noch gehen und ich hatte keinen Stuhlgang seit Freitag. Sie fuhr mich nirgendwohin sondern rief den Krankenwagen. Auf meine Bitte hin fuhr mich der Sanka in jene Klinik in Regensburg, in der ich 2011 eine Darm-OP hatte; vielleicht war gerade das ein Fehler. Bekleidet war ich mit Nachthemd, Bademantel, gestrickte Socken und Hausschuhe; weitere Utensilien waren meine regelmäßig eingenommenen Tabletten und mein Portmonee.

Um 8.1o Uhr kam ich in der Notaufnahme an. Die erste Frage und die wichtigste aller Fragen, war: „Haben sie Ihre Kassenkarte dabei?“ was ich bejahte. Der Sanitäter übernahm alles weitere, von wegen Schmerzen, seit wann usw., da er auf der 40-minütigen Fahrt meine Antworten dokumentierte. Man verschob mich in die Kabine # 5. Als erstes betreute mich eine Krankenschwester und  schon begannen die ersten Probleme. Sie zapfte Blut und setzte mir einen Zugang, was nicht auf Anhieb funktionierte; zuerst an der Daumenwurzel, dann am Handrücken und schlussendlich in der linken Armbeuge. Es folgte die Blutabnahme, anschließend bekam ich sofort eine Infusion (?) angelegt, ein EKG wurde gemacht plus Fieber gemessen (36.9°C). Sie schaute in die angelegte Patientenmappe und meinte: „Wos, koa Stuhlgang? Das haben wir gleich, ich mache Ihnen einen Einlauf!“ Sie stellte vorher noch einen Nachtstuhl zurecht und sagte: „Gehen Sie nach dem Einlauf in der Kabine auf und ab.“ Ich versicherte ihr, dass ich das wegen der Schmerzen nicht könnte und sie verließ ohne Kommentar meine Kabine. Etwa nach 3 Minuten quälte ich mich von der Liege auf den Nachttopf und mein Darm schien zu explodieren. Zwei „Hasenpopperl“ schwammen in einer gelben Brühe. Nach etwa 30 Minuten kam sie, schaute in den Pott und meinte: „Dees is ja gar nix. Jetzt müssen`S ein Abführmittel trinken.“ Sie gab mir einen Plastikbecher mit 500ml Flüssigkeit und sagte: „Dees is guat zum Trinken, dees schmeckt nach Kirschen“ und verschwand wieder. Mit viel Fantasie hatte das Getränk einen Hauch von Kirscharoma und ich schluckte es, verächtlich, auf drei Züge. Es dauerte etwa 20 Minuten bis ich auf den Nachtstuhl musste – Ergebnis: Explosion mit klarer, gelber Brühe. Sie kam erneut, schaute in den Pott und meinte: „Dees gibt`s doch neet“ und brachte mir den 2. Becher; dasselbe Prozedere. Nun kam zu den Bauchschmerzen eine „gewisse Übelkeit“ dazu. Nach etwa 20 Minuten das gleiche Ergebnis im Pott.
Nun kam ein junger Assistenzarzt und fragte mich wo es weh tut. Ich deutete auf die Stelle und er drückte zu – gefolgt von meinem Aufschrei. Er setzte sich an den Computer und fand meine Daten von 2011. Er fragte nach meinen Allergien und sonstigen Erkrankungen und Tablettenkonsum. Ich machte ihn auf meine Tabletten im Morgenmantel aufmerksam und verwies ihn auf den Entlassungsbericht von 2011; seit dem gäbe es nichts Neues. Währenddessen kam ein 2. Assistenzarzt und fragte ebenfalls wo ich Schmerzen hätte. Ich deutete auf die Stelle und auch er drückte zu – Aufschrei! Ich sagte: „Bitte schneiden`S auf und schaun`S nach.“ Er darauf: „So schlimm?“ Ich: „Noch schlimmer!“ Und auch er setzte sich an den 2. Computer und fand meine Daten von 2011 und forderte mich auf: „Jetzt erzählen`S mal!“ Nun wurde ich etwas ungehalten und forderte: „Könnte das vielleicht einer von Ihnen jetzt mal aufschreiben? Ich erzählte es bereits dem Sanitäter, der Krankenschwester und ihrem Kollegen, der ja immer noch da sitzt“. Kurz darauf verließen die beiden, etwas beleidigt, meine Kabine mit dem Hinweis, dass ich geröntgt werden müsste.
Ein junger Mann, ein sog. Patienten-Transporter, schob mich in die Röntgenabteilung. Man schob meine Liege direkt neben den Röntgenschirm. Ich stand qualvoll auf und man machte 2 Aufnahmen von der Lunge (warum, weiß ich nicht) und 1 Aufnahme vom Bauch im Stehen mit dem Ergebnis: Im Darm keine Luft und kein Darmverschluss.

Zurück in meiner Kabine wartete ich. Nach längerer Pause kam nun der Stationsarzt der Notaufnahme, ein Slowake, sehr nett und sympathisch. Er studierte nun die sich füllende Patientenmappe und kam auf mich zu. Ich zeigte ihm die Schmerzstelle und warnte ihn sogleich: „Wenn Sie jetzt da drauf drücken, springe ich sie an wie eine Katze.“ Er lächelte, drückte nicht und empfahl für den nächsten Tag eine CT-Aufnahme vom Bauch, da das Röntgenbild nichts hergab. Zum Schluss bemerkte er: „Da steht, Verdacht auf Colitis ulcerosa – das ist Blödsinn“ – er strich den Vermerk durch.

Nachmittags gegen 14.oo Uhr kam ich auf mein 3-Bett-Zimmer (ich bin eine normale Kassenpatientin) in der „Inneren“ Abteilung. Ich bekam die Nr. B, denn Nr. A war bereits belegt von einer 89-jährigen Dame. Kaum im Zimmer, schon kam eine Schwester (sie war die Abführspezialistin der Station) und verpasste mir einen Einlauf; sicher waren nur die 2 „Hasenpopperl“ in meiner Mappe registriert und meinte: „Dees kriang mia zwoa scho hi mit dem Stuhlgang und klingeln`S, damit i mir den Stuhl o`schaung ko.“ Ab diesem Zeitpunkt benutzte ich die normale Toilette; jeder Gang dort hin war für mich eine Qual. Nach 3 Minuten der Erfolg – eine gelbe, klare Brühe. Nun verabreichte sie mir einen winzigen Becher mit Tropfen und ich musste mit Mineralwasser nach trinken. Ich bat um Pfefferminztee, damit der unangenehme Geschmack etwas nachließ. Wieder nach 20 Minuten derselbe Erfolg, allerdings schwammen diesmal 2 Fuserl in der gelben Brühe; die Abführspezialistin zeigte sich darüber sehr erfreut und sogleich bekam ich den nächsten Einlauf „do müaß ma jetzt drobleibm“. Zwischenzeitlich stellte sich der Assistenzarzt der Station vor, er ist ein Württemberger; generell habe ich nichts gegen Schwaben.  
Dann hatte ich endlich Ruhe für diesen Tag. Vermeintlich – denn Frau A machte Rabatz in ihrem Gitterbett, sie rebellierte, schimpfte und jammerte ununterbrochen auf Russisch. Das einzige was ich verstand war „steerben“; ich versuchte am Tonfall zu eruieren, ob sie sterben wollte oder sich vor dem Sterben fürchtete oder ob sie glaubte, bereits gestorben zu sein. Ich klingelte und 2 junge Schwestern erneuerten ihre Windelhose; es schien, dass sie nicht mobil war. Das Gejammer ging weiter, bis ich einen Schrei tat: „ze fix, is jetzt a Ruah!“ Etwa 30 Minuten konnte man eine Stecknadel fallen hören, dann ging das Gezeter erneut los. Gegen 17.oo Uhr kam eine neue Bettnachbarin, Frau C; irgendwie erinnerte sie mich an Andrea Nahles. Sie war frisch operiert, ließ eine Fettschürze am Bauch entfernen, nachdem sie 48 kg abgenommen hatte. Gegen 17.3o Uhr gab es Abendessen. Ich bekam Brot, Leberkäse und Essiggurke – allerdings aß ich nichts – schließlich musste ja alles wieder raus. Frau A wurde im Bett gefüttert und Frau C erhielt u.a. Bohnensalat, was ihr von der Abführspezialistin sofort wieder abgenommen wurde – eigentlich logisch; jedes Böhnchen gibt ein Tönchen – und verursacht Schmerzen bei einem frisch operierten Bauch. Gegen 20.oo Uhr bekam ich eine Infusion mit Antibiotikum; wahrscheinlich hilft das gegen alle Krankheiten, denn einen Befund gab es ja noch nicht.  

Frau A machte die Nacht zum Tage – an Schlaf war nicht zu denken.
Am 24.10. gegen 4.oo Uhr wurde die Tablettenration für den Tag ausgeteilt. Gegen 6.oo Uhr wurde Blutdruck und Fieber gemessen, kurz nach 7.oo Uhr gab es Frühstück – aber nicht für mich. Mir wurde wieder eine Infusion mit Antibiotikum angelegt.
Gegen 9.oo Uhr kam mein „Liebling“, die Abführspezialistin und ich bekam einen Einlauf. Ergebnis wie am Vortag. Darauf stellte sie mir 2 Glaskrüge mit je  1 Liter Abführsaft hin mit der Bemerkung: „Bis 10.45 Uhr müssen`S das getrunken haben, denn beim CT muss der Darm völlig leer sein.“ Nur vom Ansehen wurde mir schon übel. Irgendwann dazwischen kam die „Putzmamsell“ mit 3 Lappen. Mit ein- und demselben Lappen – er war blau – wischte sie die Türgriffe, den Abfalleimer im Zimmer, die Nachtkästchen mit Ablage, den Tisch, die 3 Stühle und die 2 Fensterbretter ohne diesen zwischenzeitlich erneut in ein Wasser getunkt zu haben. Ich verbot ihr meine Ablage zu säubern, solange ich da wäre! Bei Frau A war eben ein Arzt, der ihr ein Langzeit-EKG anlegte und sagte etwas scharf zu mir: „Lassen Sie der Frau ihre Arbeit machen.“ „Selbstverständlich – aber nicht bei mir!“ Mit dem gelben Lappen wischte sie den gesamten Waschbereich inkl. den dort platzierten Abfalleimer; mit dem roten Lappen wischte sie den WC-Spülkasten, den Klodeckel oben und unten, die Klobrille oben und unten und den Porzellansitz anschließend noch die Dusche. Ich bekam Gänsehaut vor Grauen!
Es kam eine Schwester und verlangte nach meiner Urinprobe.
Dann war Visite mit dem Württemberger und seinem Oberarzt (der lediglich guten Tag sagte). Er machte einen Rapport von meinen Problemen, ich zeigte meinen schmerzenden Unterbauch und der Schwabe drückte so schnell und fest darauf, dass es mich warf wie einen Knallfrosch – damit verlor er meinen Respekt.
Gegen 11.oo Uhr kam mein „Liebling“, begutachtete das Resultat in der Toilettenschüssel. Im 2. Krug war noch ¼ Liter Saft übrig und ich sagte: „Wenn Sie mich zwingen diesen Rest noch zu trinken, kotze ich Ihnen das ganze Zimmer voll“. Ohne Kommentar nahm sie beide Krüge mit.

Um 12.3o Uhr brachte mich ein Patienten-Transporter zur CT-Abteilung und stellte mich im Wartebereich ab, meine Patientenmappe lag unterm Kopfkissen.
Zwei ältere Mitarbeiterinnen, eine davon etwas burschikos, schoben mich in den CT-Raum und stellten mein Bett direkt neben den Apparat auf den ich mühsam kletterte und den Anweisungen der „Burschikosen“ lauschte und befolgte: „Tief einatmen, Atem anhalten und weiteratmen und jetzt wird Ihnen etwas warm.“ Sie hatte es noch nicht fertig ausgesprochen, da kochte und wallte mein Blut auf, gefolgt von einem Blitz in meinem Gehirn und schlagartig wuchsen meine Ohren gefühlt zur doppelten Größe an und ich schnappte nach Luft. Mein einziger Gedanke war: „Nun hat mein letztes Minütchen geschlagen; glaubte ich anfänglich an Bauchweh zu sterben so sterbe ich jetzt in dieser Drecks-maschine“. Ich weiß nicht mehr wie ich in mein Bett kam und zerrte nur noch an meinen Ohren. Schlagartig stand „Professor Karl-Friedrich Boerne“ an meinem Bett (er muss vom Plafond gefallen sein) und sprach leise und beruhigend auf mich ein: „Ich bin der Radiologe und gleich wird alles wieder gut“. Er spritzte Fenistil, Cortison und Ranitidin gegen meine allergische Reaktion. Nebenbei gab er die Anweisung, dass mich die Stationsschwester abholen müsse und bemerkte noch: „Kein Wunder, sie hat ja auch eine Penicillin-Allergie“. Ja – für was gibt es denn eine Patientenmappe, wenn keiner reinschaut? Man wartete auf die Stationsschwester und die „Burschikose“ murmelte: „Da draußen warten d`Leit und DEE hält den ganzen Verkehr auf. Die Stationsschwester fragte was passiert wäre und die „Burschikose“ antwortete: „De vertragt koa Kontrastmittel“. „Haben Sie das protokolliert?“ „Na!“ „Und warum net?“ „Ja, sie is hoit rot oglaffa, hot an Juckreis und schlecht Luft kriagt.“  Es wurde in Stichpunkten in meiner Mappe registriert und ich wurde auf mein Zimmer geschoben.
Der Befund war: Wahrscheinlich diskret entzündetes Divertikel. Jedoch sollte zum Ausschluss einer Geschwulstneubildung eine Koloskopie erfolgen. Meine Allergieliste wurde mit dem Kontrastmittel Metamizol ergänzt.
  
Ich bekam Tee, meine tägliche Thrombosespritze und CitraFleet gegen Verstopfung. Der Schwabe kam nachmittags noch mal und empfahl, so als wäre es seine Idee, die vom Radiologen empfohlene Darmspiegelung. Das gespritzte Ranitidin (ein Psychomittel u.a. gegen Unruhe usw.) machte mich schläfrig, ich konnte kaum die Augen öffnen, döste aber nur vor mich hin. Meine Hausperle und meine Tante besuchten mich, sie brachten Nachthemden, Unterwäsche, Handtücher und als wichtigstes mein Sakrotan-Spray, das ich von nun an im WC und am Waschbecken benutzte. Der Schwabe kam vor Dienstschluss noch mal kurz vorbei und erklärte: „Er habe eben mit seinen Chefs, Oberarzt und Professor, konferiert und nach deren Meinung soll die Darmspiegelung erst in 4-6 Wochen angesetzt werden.
Erneut bekam ich gegen 20.oo Uhr meine Antibiotikum-Infusion.

Nachts machte Frau A wieder Rabatz und strampelte ihre Zudecke zur Seite. Am 25.10. gegen 2.oo Uhr klingelte ich der Nachtschwester. Das „blonde, dantschige Gift“ kam und meinte ungehalten: „Oma, jetzt is Nacht und jetzt wird gschlaffa,  deckte sie zu und schon war sie wieder draußen“. Etwa 10 Minuten später ging Frau C zur Toilette und ich hörte ein stöhnen und drücken und dachte noch: „Die arme Frau hat harten Stuhlgang und hat eine frische OP-Naht quer über den Bauch. Ich hatte Mitleid!“ Sie kam zurück, legte sich ins Bett – aber die Geräusche hielten an. Gegen 4.oo Uhr wurden wieder die täglichen Tabletten verteilt und das „blonde Gift“ schnüffelte verdächtig. Frau A lag in ihren dünnflüssigen Exkrementen und sie musste gereinigt und das gesamte Bettzeug gewechselt werden unter dem Lamento: „Oma alles voller Kacka, Oma alles voller Kacka usw.“. Dem „Blondinchen“ gönnte ich den Extra-Einsatz! Gesäubert und frisch angezogen fing sie deutsch zu singen an: „Ich bin eine Hexe, Hexe, Hexe; ich bin eine ... ... ... Vorsichtshalber fragte ich in der Frühe ob Frau C das auch gehört hat, was diese bestätigte. Irgendwie zweifelte ich langsam an meinem Verstand – kein Wunder nach 4 schlaflosen Nächten.  

Schlaflos grübelte ich nach und nahm mir vor am nächsten morgen ein ernsthaftes Gespräch mit dem Schwaben zu führen.
Der Tag begann wieder mit Infusion und Tabletten und ich rief nach dem Württemberger, der auch sogleich kam.
„1. verlange ich, die Darmspiegelung auf alle Fälle während dieses Klinikaufenthaltes vorzunehmen, da ich ja bereits seit 48 Std. den Darm reinige. Sollte es nur eine Kostenfrage sein, dann sagen Sie ihren Chefs, dass ich diese Untersuchung „privat“ bezahlen werde. Genau soo können Sie es weiterleiten oder beide Herren zu mir schicken“; ich war erbost und ihm war es unangenehm.
„2. könnte es sein, dass sich ein Nierenstein in meiner Wasserleitung zur Blase festgesetzt hat?“ Er darauf: „Auf keinen Fall, diese Schmerzen würden Sie niemals aushalten!“ Ich war völlig verblüfft – ich wusste gar nicht, dass ich die letzten Tage „chinesisch“ sprach. Seine Meinung war festgefahren; ich hatte einen Divertikel-Entzündungs-Schub!

Gegen 10.oo Uhr kam er zur Visite und teilte mir offiziell mit, dass morgen vormittags meine Koloskopie angesetzt wurde. Na also – geht doch! Zusätzlich hätte meine Urinprobe ergeben, dass ich an einer starken Blasenentzündung leide, was ich beim Wasserlassen durch „Brennen“ merken müsste; meine Antwort: „Bei mir brennt nix!“ Ab sofort bekam ich zusätzlich das Antibiotikum Metronidazol 2 x täglich in Tablettenform verabreicht.  

Nach unserer Unterredung sagten ihm seine 2 begleitenden Schwestern, dass sie mit der Tochter von Frau A gesprochen hätten und diese ihre Mutter mit nach Hause nehmen würde. „Jede Nacht mit ihr wäre eine Katastrophe!“ Er nickte! Ich wusste gar nicht, dass junge Schwestern eine Patientenentlassung empfehlen und mitentscheiden können. Ein Armutszeugnis für den Assistenzarzt, den ich nur noch gedanklich „Adlatus“ nannte und der für mich ein „Depp“ war.

Gegen 11.oo Uhr kam deren Tochter und ich glaubte zu träumen. Frau A hüpfte (seit meiner Anwesenhit verließ sie nicht einmal ihr Bett!) regelrecht aus den Federn, stand und hob ein Bein nach dem anderen und ließ sich ankleiden. Anschließend setzte sie sich auf die Bettkante, überkreuzte ihre Beine, baumelte damit hin und her, ihre Äuglein blitzen schalkhaft und sie grinste mich an, während ihre Tochter einen Rollstuhl organisierte. Vielleicht doch eine Hexe?

Mittags und abends bekam ich ein Süppchen und wieder meine abendliche Infusion. Ich freute mich auf eine ruhige Nacht. So gegen 20.oo Uhr schob man eine 78-jährige Patientin auf Platz A – ich nenne sie Frau A2. Sie rührte keinen Finger und schlief. Es war so leise in dieser Nacht, dass ich 3 x aufstand und kontrollierte ob sie noch atmete oder schon verschieden war. Ich glaube: „So geht verrückt werden an!“

Der 26.10. begann mit einer Infusion und als Frühstück ½ Liter Abführsaft und Tee. Schließlich müssen beide, gestern verspeiste Süppchen den Darm passieren. Damit hatte ich in dieser Woche 76 Stunden abgeführt. Ich verspürte einen enormen Druck und ging zur Toilette. Meine Schleusen öffneten sich, es machte „Platsch“ und mit einem „einzigen Schwall“ entleerte sich meine Blase – und – mein Bauchweh war weg! Also wenn das kein Nierenstein inkl. Nierengrieß war, fresse ich `nen Besen. Na gut – ich lass` mit mir reden – es könnte auch ein „Weinstein„ gewesen sein bei meinem täglichen Konsum von 2 Glas Rotwein. Nachgucken konnte man nicht, denn in diesem WC gab es keine Ablage, wenn Sie wissen was ich meine.
Schmerzfrei und glücklich schob man mich um 11.3o Uhr zur Darmspiegelung. Ergebnis: Vereinzelt kleine und ein paar größere Divertikel; unauffällige Darmschleimhaut; kein Hinweis auf Entzündung, Polypen oder Tumor.  

Ja – und dann erhielt ich mein 1. Mittagessen: Süppchen, Salat, 1 Apfel und Spaghetti mit roter Hackfleischsoße. Alles, wirklich alles hätte man mir anbieten können aber seit 53 Jahren esse ich weder Hackfleisch (egal in welcher Variante) noch rote Soße. Das muss ich einfach erklären: „Ich war 4 Jahre im Internat bei den Dominikanerinnen und jeden Samstag gab es Fleischpflanzerl (Bouletten oder Frikadellen) zum Mittagessen. Wir Zöglinge nannten dieses Menü „Wochenschau“, denn wenn man die Pflanzerl teilte fand man sämtliche  Reste in zerkleinerter Form, die in der vorherigen Woche übrig blieben; Nudeln, Reis, Kartoffel, Gemüse und auch ein bisschen Hackfleisch! Wenn ich nur dran denke, wird mir übel“.   
Ich schlurfte also mein Süppchen und aß den Apfel. Manchmal ist das Leben schon gemein!

Meine neue Nachbarin, Frau A2, hatte ausgeschlafen und wurde sehr unruhig. Sie hing am Tropf und stand auf. Frau C und ich forderten sie auf, sich wieder zu setzen und wir klingelten. Eine Schwester kam und sagte: „Hob goar net gwußt, dass de steh ko“ und fragte sie „wos is los!“ „Toilette!“ „Lengs eahna hi, i bring die Bettpfanna“. Gesagt, getan und anschließend bekam sie am Bett den berühmten Gitterschutz verpasst.

Abends bekam ich wieder meine Infusion. Ich bat die Schwester einen neuen Zugang zu legen, da mein Arm sehr schmerzen würde. „No, heit` und morgn geht`s scho no“ widersprach sie. Gegen 10.oo Uhr wurde der leere Infusionsbeutel abgenommen und ich bat erneut flehentlich um Entfernung des Zuganges – vergebens.
Wenn Sie nun glauben, es begann die Nachtruhe, dann irren Sie. Frau A2 versuchte über das Gitter zu klettern; ihre langen, dünnen Beine hingen bereits darüber und mit den Händen festgeklammert am Gitter, versuchte sie stets darüber hinweg zu hopsen. Ich klingelte. Die Nachtschwester stellte deren Bett quer zur Wand, somit war wenigstens 1 Seite zum Verlassen versperrt. Nach einer halben Stunde hingen deren Beine eben über die andere Seite. Jetzt wurde ich grantig und klingelte erneut. Ich blaffte die Krankenschwester an: „Holen Sie sofort eine Bettwache! Es kann doch nicht sein, dass Mitpatienten als Nachtwachen fungieren müssen?“ Ihr Kommentar: „Bettwachen gibt es in unserem Hause nicht!“ Jetzt stieg meine Wut: „Dann empfehle ich Ihnen Frau A2 mitzunehmen und in ihrem Stationszimmer zu deponieren und zu bewachen, ansonsten flippe ich jetzt aus und glauben Sie mir, das wird unangenehm!!“ Trotzig und beleidigt über meine Worte, schob sie Frau A2 aus unserem Zimmer.

Am 27.10., wie jeden Morgen um 4.oo Uhr, bekamen wir die Tablettenration und gegen 6.oo Uhr wurde Fieber (36,2°C) und Blutdruck (186/120 – kein Wunder!!) gemessen. Um 8.oo Uhr kam die Schwester mit meiner Infusionsflasche (Ciprofloxacin 400mg/200ml, seit 23.10. täglich 2x). „Jetzt ist Schluss! Sie entfernen sofort den Zugang!“ Erschrocken ob meiner Stimmlage entfernte sie den Einband und das Pflaster und wurde bleich. Mindestens 2 Infusionen liefen nicht in die Vene sondern nebenan ins „Fleisch“ und dementsprechend war um die Armbeuge alles verhärtet und geschwollen; ich konnte vor Schmerzen den Arm nicht heben. Sie verpasste mir einen Verband. Dann schob man auch Frau A2 wieder ins Zimmer, völlig ruhig gestellt machte sie keinen Zuckerer und schlief tief und fest.    
Der Adlatus kam zur letzten Visite, begleitet von seinem 1. Chef und  ich konnte es mir einfach nicht verkneifen: „Schön dass ich Sie noch kennen lernen durfte, Herr Professor – wenigsten zum Abschied!“  

Gegen 11.3o Uhr wurde ich entlassen. Meine Hausperle holte mich und gleich anschließend meinen Hund ab. Gegen 17.oo Uhr duschte ich ausgiebig (was ich in der Klinik tunlichst vermieden hatte) und gegen 18.oo Uhr schlief ich bereits – am Samstag um 8.oo Uhr weckte mich mein Leo, nach 14 Stunden Tiefschlaf. Ich trank 2 Tage nur Wasser, Tee und Gemüsebrühe und aß eingetunkten Hefezopf – ich hatte das Gefühl, dass mein Magen wund ist, wegen der vielen Abführmittel; besonders das tägliche CitraFleet empfand ich als aggressiv.

Montag, den 30.10. fuhr mich meine Hausperle zum Hausarzt wegen meinem linken Arm. Er sagte nur: „Oje, da gibt es nichts, außer einen Salbenverband mit Voltaren. Die eingelaufene Flüssigkeit muss sich von selbst abbauen.“ „Na Servus!“ Ich fragte: „Herr Doktor, ist das nicht Körperverletzung?“ Er wurde sehr ernst und meinte: „Ja wissen`S, heut` zutag` sind die jungen Schwestern völlig überlastet!“ „Keine Angst Herr Doktor, ich werde keine Anzeige erstatten, denn es könnt` ja sein, dass ich mal wieder auf derselben Notaufnahme lande – und dann schiebt man mich von dort direkt ins Sterbekammerl und sperrt von außen zu!“ Darüber konnte er herzlich lachen.

Seit 03. November bin ich völlig schmerzfrei.

In den schlaflosen Nächten grübelte ich und einige Male dachte ich: „Bestimmt gibt es interne Vereinbarungen zwischen Kassen und Kliniken, dass man mit „den Alten“ nicht lange „fackeln“ soll – dees lohnt eh nimmer. Eigentlich unlogisch – aber man kommt auf die kuriosesten Gedanken, wenn man von den Ärzten „nicht für voll“ genommen wird.

Wenn ich an die „burschikose Alte“ in der CT-Abteilung denke, fallen mir die legendären Zeitungsberichte der zahlreichen „Todesengel“ ein. Ist das nicht eigenartig?

Außerdem denke ich jetzt oft darüber nach, wie respektlos, kränkend und diskriminierend die „alten Patienten“ behandelt werden. Es steht keiner Schwester zu – egal wie jung sie ist – eine alte Dame, auch wenn sie noch so renitent ist, als „Oma“ zu bezeichnen. Oder der oft gehörte Ausspruch: „jetzt legen wir uns hin“! Was heißt hier „wir“ und  „uns“? Ich durfte feststellen, dass die jungen Pfleger weit mehr Respekt vor den alten Patientinnen haben als ihre Kolleginnen.

„Es muss ein Schwerpunkt bei der Pflege-Ausbildung sein, dass die Würde jedes Menschen unantastbar ist  – so steht es doch im Grundgesetzt – oder irre ich?“
Höflichkeit ist eine Zier – auch bei Stresssituationen!

Und die, meist arrogante, Ärzteschaft sollte ihre Patienten ernst nehmen und nicht „Götter in Weiß“ spielen. Auch für sie gilt – irren ist menschlich – und unbestritten sterben täglich Menschen an Fehldiagnosen und an ärztlichen Kunstfehlern. Sie sollten ernsthaft über ihre eigene Unzulänglichkeit nachdenken und die ethischen Grundsätze des Hippokrates täglich verbindlich ausüben!

Früher wurde man Arzt aus Berufung – heute geht es um die Penunze!
Der Patient ist lediglich nur noch eine Nummer!

Wehe dem – der da auf`s Maul gefallen ist!


Christine Obermeier

Ponholz, 27.11.2011

Freitag, 27. Juni 2014

Vertriebenen-Transportlisten von Elbogen 1946 – online !



Liebe Egerländer,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Forscherfreunde,

wiederum darf ich Sie darüber informieren, dass ich mit Genehmigung des Suddt. Instituts e.V., in München, vom Vorsitzenden Herrn Dr. Paleczek mit Fürsprache von Herrn R. Erlbeck, Ministerialdirigent a.D., nun die 5. digitalisierte Transportliste d.h. „ELBOGEN“  veröffentlichen durfte.

Sie beinhaltet auf 626 Seiten 22500 aufgelistete Personen aus dem gesamten Bezirk Elbogen/Loket in Nord-West-Böhmen.
Von insgesamt 23 Transporten fehlen leider 132 Wagonlisten und somit etwa 4000 Personeneinträge.
Sicher aber werden wieder viele Vertriebene sich selbst finden; ganz bestimmt aber ihre Eltern, Großeltern, Onkeln und Tanten.

Die Transportliste Karlsbad ist in Bearbeitung und Reichenberg wartet schon. Hinweisen möchte ich in diesem Zusammenhang, dass sich die Tschechische Republik in dieser Angelegenheit äußerst kooperativ zeigt. Ein großes Problem ist jedoch, dass das Bayerische Staatsministerium keine Geldmittel mehr für die institutionelle Förderung zur Verfügung stellt und daher die Digitalisierung auf privater Basis weitergeführt und finanziert werden muss. Man ist wohl „an höherer Stelle“ der Meinung, dass diese Listen niemanden interessieren; andererseits werden „millionenschwere Gedächtnisstätten“ in Berlin gebaut. Uns fehlt eben die dementsprechende Lobby! Das Suddt. Institut (vormals: Suddt. Archiv) ist daher auf Ihre Unterstützung angewiesen.
Daher meine erneute Bitte an Sie! Bitte spenden Sie damit dieses Projekt weiter geführt und alle Bezirke bearbeitet werden können; dies gehört unmittelbar zur Geschichte der mehr als 2,25 Millionen Heimatvertriebenen aus dem ehemaligen Böhmen und Mähren.   

                        Sudetendeutsches Institut e.V.
                        Hypo Vereinsbank München
                        Konto 563 307 BLZ 700 202 70
                        Stichwort: Transportlisten

Spendenquittungen können selbstverständlich ausgestellt werden.
Vorab schon mal DANKE für Ihre Unterstützung!!

Die Elbogener Transportliste können Sie wieder einsehen in meiner Homepage
unter www.chobgen.de Menüpunkt: Transportliste
Kopien der Waggonlisten sind einsehbar im Suddt. Institut e.V. in München.


Nun wünsche ich Ihnen interessantes stöbern – vielleicht finden Sie ja eine verloren geglaubte Großtante! Stöbern ist natürlich kostenfrei!!!
Ihre
Christine Obermeier
Ponholz, 25.06.2014